Gleitschirm-Reise-Südtirol

Vorausschauend Denken am Startplatz

Vom Fußgänger zum sehr guten Gleitschirmpiloten ist es ein langer Weg. Einer der wichtigsten Schritte in diesem Prozess ist des Scannen der aktuellen Situation insbesondere am Startplatz und das vorhersehen bzw.  antizipieren der wahrscheinlich nötigen Handlungen.

Antizipation wird im Sport wie folgt definiert: Die mentale Vorwegnahme des künftigen Bewegungsablaufes.

Doch warum ist antizipieren so wichtig?

Starten wir einmal mit der Frage: Wann haben die Mehrzahl von weniger geübten Piloten in heiklen Situationen die exakt passende Entscheidung gefällt und die dazu passende Reaktion getätigt?

Genau dann, wenn es drauf ankommt? Oder haben sie ihre Fehler im Nachhinein erkannt, als das Ereignis mit Abstand betrachtet wurde?

Ganz klar wird viel zu oft erst hinterher erkannt, was man hätte besser machen können. Doch was ist der Grund dafür? Logischerweise sind der Trainingszustand und die Flugerfahrung vor und nach der “Situation” nahezu gleich. Häufig sind Stress und Überrumpelung die Ursache an Unschönheiten bei Start, Flug oder Landung.

Stress und Verblüffung genau in dem Augenblick, in dem es drauf ankommt, hemmt die Entscheidungs- und Reaktionsfähigkeit. Stress kann im schlimmsten Fall auch zu Totalblockaden oder falschen Bewegungen führen.

Als Konsequenz daraus ergibt sich, dass der Stress minimiert werden muss. Hier kommt das vorausschauende Denken zum Tragen. Antizipieren wirkt stressmindernd!  Durch das vorherige Durchdenken einer Handlung bleibt man lockerer und schneller reaktionsbereit. Wer schnell korrigiert,  muss nur wenig und fein den Schirm korrigieren. Wer verschläft muss dagegen länger und heftiger über die Bremsen  korrigieren, das wiederum mit der Gefahr zu einer Überreaktion.

Deshalb ist die Analyse und geistige Vorwegnahme der zu erwarteten Situation, speziell am Startplatz, besonders wichtig im Sinne eines sicheren Startvorgangs. Dies bedeutet, dass du Startplatzgegebenheiten sowie Wind und Wettersituation genau checken und dann überlegen solltest, welches die Hauptschwierigkeiten sind, die eintreten könnten. Sei dann darauf vorbereitet, was kommen könnte und wie du darauf reagieren kannst.

Wenn.. dann..

  • Du hast am Startplatz starken Wind von vorne
    • Gedanke: Dann muss ich dem Schirm entgegenlaufen sonst hebelt es mich aus.
  • In der Laufstrecke befinden sich Mulden und du hast kaum Gegenwind (bedeutet: Schirm kann leichter entlasten)
    • Gedanke: Ich muss besonders auf eine gute, kontinuierliche Beschleunigungsphase und den Bremsdruck achten.
  • Es herrscht Nullwind oder sogar leichter Rückenwind (bedeutet: Kappe gibt wenig Gegendruck in der Füllphase)
    • Gedanke: Ich muss mit etwas mehr „Autorität“ anlaufen, dem Schirm trotz “weichem” Gefühl vertrauen und die Beschleunigung durchziehen.
  • Die Kappe liegt beim Rückwärtsstart nicht symmetrisch in Windrichtung oder eine Seite ist sogar noch etwas zugeklappt (bedeutet: die Seite, an der sich die Leinen früher spannen, wird deutlich früher hochsteigen)
    • Gedanke: Eine frühe einseitige Korrektur mit Bremse oder Tragegurt wird notwendig sein.
  • Der Wind kommt schräg zur Aufzieh- oder Startrichtung
    • Gedanke: Ich muss natürlich auf Unterlaufen eingestellt sein.

Selbstverständlich gibt es hier natürlich noch viel mehr Situationen und Verkettungen, die man betrachten könnte. Doch ich möchte hier kein Starttechniktraining niederschreiben. Beim Thema Antizipation geht es ganz einfach darum, den Überraschungseffekt und damit verbundenen Stress zu minimieren. Auf keinen Fall soll es übertriebene Ängste vor der Situation hervorzurufen.

Das Vorbereitet sein auf die vielleicht oder auch nur vermutlich eintreffende Aktion ist der Schlüssel zur Stressvermeidung. Wenn die Schwierigkeit dann nicht eintritt… umso besser! Dann ist der Stress minimiert, das Gefühl beim Start war gut und sicher und das Selbstvertrauen wächst automatisch.

Das gleiche gilt natürlich insbesondere auch bei den Reaktionen auf Klapper, Strömungsabrisse und andere Extremsituationen im Flug. Auf diese Thematik wird aber schon im Theorieunterricht ziemlich gut eingegangen und der Flugschüler wird auf die richtigen Bewegungsabläufe mental eingestellt und vorbereitet.

Also Starten, Fliegen und Landen immer nach dem Motto „Wenn …,dann…..”

Antizipation und Erfahrung greifen Hand in Hand – je höher der Trainingsstand, desto selbstverständlicher werden die gedankliche Vorwegnahme der Bewegung und die automatisierte Reaktionen.  Deshalb ist besonders für Rookies das bewusste Analysieren und Antizipieren am Startplatz zusammen mit ihrem Lehrer so enorm wichtig.

Das Try and Error Prinzip, also wenn Pilot und Lehrer von einer eigentlich vorhersehbaren Situation überrascht werden, dann der gecrashte Flugschüler den Startplatz hochkrabbelt und dann im Nachhinein erklärt bekommt, wieso der Start nicht funktioniert hat – halte ich bei unserem Sport für methodischen Mist und kann auch mal weh tun.

Deshalb sensibilisieren wir unsere Fluglehrer speziell auf dieses Thema, damit diese dann wiederum die Flugschüler in der Praxis am Startplatz daraufhin unterrichten und anweisen können.

Die Rolle des Fluglehrers

Der Fluglehrer muss zur eigentlichen Startplatz-Situation zusätzlich die motorischen Fähigkeiten, den Lernfortschritt sowie die „angeborene“ Stressfestigkeit und Tagesform seines Flugschülers einschätzen.  Darüber hinaus noch Unterschiede im Startverhalten der verschiedenen Schirmmodelle, sowie deren aktuellen Zustand in Sachen Nässe und Alterung berücksichtigen. Also jede Menge Variablen, die im biologischen Hochleistungsrechner (Grind=Gehirn :-)) eines guten Fluglehrers verknüpft werden müssen, um dem Schüler die entscheidenden kurzen aber präzisen Tipps und  Hinweise für den unmittelbar folgenden Startvorgang zu geben.

Die Kraft der Antizipation

Es gibt wohl kaum einen sehr guten Hochleistungssportler, Profimusiker, Redner, Schachspieler, Lehrer oder auch Gleitschirmpiloten, der unvorbereitet ist und sich nicht die enorme Kraft der Antizipation zu Nutze macht.

Die sportlichen Meister in dieser Disziplin sind für mich die Skirennläufer. Der Slalomkurs wird akribisch besichtigt und anschließend quasi jedes Tor und insbesondere die schwierigeren Abschnitte auswendig gelernt. Man kennt die Bilder, im Startbereich wenn die Athleten sich in den Mental-Tunnel der Bewegungsabläufe hineinbegeben. Ein Felix Neureuther wird deshalb kaum von einer Eisplatte überrascht werden.

Dennoch kann nicht alles vorhergesehen werden, da beim echten Start  dann Geschwindigkeit und Fliehkräfte als Variable mit ins Spiel kommen. Das Rennen dann trotzdem noch perfekt zu meistern bedingt dann eine intuitive, feine und sehr schnelle Reaktion. Dies wiederum erfordert eine gewisse Lockerheit trotz Krafteinsatz. Der Schlüssel dazu sind viele Übungsstunden und auch Talent – aber das ist ein anderes Thema.

Probiert es aus, verfeinert euren Sinn für die zu erwartende Situation, denkt voraus und lasst euch nicht so oft überraschen.

Peter Geg, OASE Flugschule
Dezember 2019

By BeckyLein in Allgemein [social_share]


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